02 Feb 2007
Unser Grünstreifen
Kleine Baracken, Verschläge und dubiose, hinter Eisentoren versteckte Privatgelände zierten die den Mietshäusern gegenüberliegende Seite der Grüntaler Straße, als wir vor 8 Jahren in den Wedding zogen.
Nächtlicher Lärm von Schweißgeräten und Motorheulen aus den ‚Ich-verdien-mir- was-dazu-Reparatur-Werkstätten' waren keine Ausnahme und das eine und andere Mal konnte man als Bewohner der Grüntaler Straße Zeuge von Löscheinsätzen werden. Besonders gut kann ich mich an den Brand des Reifenlagers erinnern, da er sich buchstäblich in meiner Nase festgesetzt hat.
Welch' eine Freude, als uns dann 2002 zu Ohren kam, dass diese, einem Slum gleichende Straßenseite einem gestalteten Grünstreifen weichen sollte! Das würde vorstellbar den Wohn- und Lebenswert im Wedding erhöhen.
Doch unheimlich zäh verliefen dann die ersten Abrissarbeiten. Woche um Woche bahnten sich dicke Staubwolken durch die Straße und das frühmorgendlich beginnende Dröhnen vermieste jedem Spätaufsteher den Tag. Noch Monate später standen hier und da vereinzelt ein paar Hüttchen, mit deren Besitzer sich wohl schwer eine Vereinbarung aushandeln lies.
Wir befürchteten schon, das ganze Projekt würde auf Eis gelegt werden, doch bekamen wir mit, dass in anderen Abschnitten bereits Wege angelegt wurden.
Endlich waren dann auch die letzten Baracken verschwunden und vor unseren Augen entstand der bürgernahe Erholungsstreifen. Spielplätze wurden angelegt, Gras gesät, ein niedriges Mäuerchen gemauert, alte Bäume abgeholzt und junge Bäume gepflanzt, Bänke aufgestellt.
Im Sommer 2005 konnte der neue Grünstreifen fast in seiner vollen Länge genutzt werden.
Im Frühjahr diesen Jahres sahen wir den wärmer werdenden Tag näher, um endlich wieder ganztägig die Fenster und Balkontüren zu öffnen und die laue Frühlingsluft hereinzulassen.
Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Die ersten warmen Sommerstrahlen lockten nämlich auch die ersten Menschen aus ihren Wohnungen und die Kinder vom Fernseher weg, hin zum Grünstreifen.
Und je sommerlicher es wurde, desto länger verharrten diese Menschen in dieser langwierig erbauten Anlage, und das nicht tonlos. Die Kinder schienen gar nicht mehr ins Bett gehen zu wollen, die Alkis frühstückten auf der Parkbank ihr erstes Bierchen und Hunde, denen der Zutritt laut Hinweisschild verboten ist, verbissen sich ineinander und jaulten grässlich vor Schmerzen auf. Überhaupt Hunde, besser gesagt ihre Besitzer – die ausgewiesene Liegewiese war im Nullkommanichts in ein ekelhaftes Hundeklo verwandelt worden, so dass man beim Durchlaufen des Grünstreifens besser nicht vom Weg abkam.
Doch zurück zu den menschlichen Wesen.
Einige von ihnen hätte sich die Miete für ihre Wohnung für den Sommer sparen können, da sie sich von morgens bis abends unserem Fenster gegenüber „erholten". Von Liebesszenen über soziale Nöte, hin bis zu Gewaltdramen bekam man sechs Monate alles geboten, was das Zwischenmenschliche zu bieten hat.
Mittlerweile ist es richtig kühler Herbst geworden, unsere Fenster sind verschlossen und mitunter macht sich in uns ein Gefühl breit, das sich wünscht, es mögen wieder die Verstärker herangekarrt werden; ein Gefühl, dass sich nach dem Klirren der Bierflaschen und dem Heulen und Schreien der Kinder sehnt, nur um dem Gefühl der Isolation der kalten Jahreszeiten zu entkommen. Dieses Sehnen wird genau bis zum Frühlingserwachen des kommenden Jahres anhalten, um sich genau dann in einen erneuten Fluch zu verwandeln.
- Logbuch von Sulamith
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