Keine Krise in der Küche



Die große, schreckliche, alles verschlingende Krise ist jetzt dort angekommen, wo sie am meisten weh tut: auf dem Teller und im Weinkeller. Lange haben wir uns gegen die bittere Erkenntnis gewehrt, doch nun kapitulieren auch wir. Weiter-prassen wie bisher geht einfach nicht mehr, der häusliche Finanzminister fletscht schon die Zähne. Was also ist zu tun? Zum Lebensmitteldiscounter rennen, der sich gierig die Hände reibt und seine Regale mit Fleischwurst aus Fleischabfällen für neunundsiebzig Cent pro hundert Gramm vollstopft? Oder mit hungerhakenförmigen Tiefkühlhühnern zum Preis einer Tafel Schokolade, garantiert geschmacksneutral außer einem leichten Fischmehl-Hautgoût, der die Viecher selbst als Suppenhuhn diskreditiert? Oder, noch schlimmer, mit Wein aus bulgarischen Tanklastzügen, die Flasche nicht teurer als ein Liter Diesel und auch nicht viel verträglicher? Niemals, dann lieber den Hungertod oder das qualvolle Verdursten! Doch halt, es gibt zum Glück noch einen dritten Weg.

Krebs statt Languste

Unsere Vorschläge für alle, die die Krise kulinarisch ohne Depressionen und Selbstmordgedanken überstehen wollen, sind natürlich so banal wie alle Ratschläge in diesen Zeiten, aber vielleicht machen sie ja dem einen oder anderen Mut. Der kulinarische Imperativ lautet: Eigeninitiative, Flexibilität, Phantasie. Drei Beispiele. Erstens: Goethes Diktum ignorieren, der seinen Landsleuten des Franzmanns Wein ans Herz legt, und stattdessen deutschen Wein trinken! Beim Winzer seines Vertrauens bekommt man für fünf, sechs, sieben Euro Qualitäten, die kein Weinhändler zu diesem Preis herausrückt und ein importierter Wein schon gar nicht bieten kann, der deutsche Weinhandel mag es uns verzeihen. Zweitens: Weiterkochen mit Rezepten der Haute Cuisine, egal wie schlimm es noch wird! Denn man kann sie für die Notzeiten modifizieren, ohne allzu sehr zu leiden; natürlich schmeckt die in einem Mäntelchen aus Rosmarin, Thymian, Estragon und Kerbel pochierte Kalbslende des Dreisternekochs Dieter Müller ganz wunderbar, aber mit einer Schweinelende funktioniert es auch, und sie kostet nur ein Drittel. Auch sonst kommt man mit klugem Sparen gut gelaunt durch das Tal des Jammers, mit Schwarzfederhuhn statt Bresse-Kapaun, Krebs statt Languste, Mies- statt Jakobsmuschel, Forelle statt Zander, Cava aus Katalonien statt Schaumwein aus der Champagne. Drittens: Selber machen, und zwar so viel wie möglich! Das ist billiger und schmeckt besser als jedes Fabrikfutter vom Discounter. Man muss es nur einmal ausprobieren, mit Pizza, Rotkohl oder Klößen - hier ein kleiner Tipp, erhalten von einem Spitzenkoch und gerne weitergereicht: Baguette würfeln, Milch und Sahne hinzugeben, dann kleingeschnittene, angeschwitzte Champignons, Spreckwürfel und Schalotten dazu, ein Ei obendrauf und reichlich Petersilie, salzen, pfeffern, alles gut vermischen, eine Stunde ins Wasserbad, und zum Servieren den in Scheiben geschnittenen Knödel in Butterschmalz anbraten - der Tag ist gerettet, trotz Dax im Dreitausendertiefflug. Die Krise sei auch eine Chance, sagen alle Kanzler und Präsidenten des Planeten. Das stimmt. Sie liegt in der Küche.

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