Ist es legitim oder etwa unvermeidbar, bei der Ausarbeitung eines künstlerischen Werkes auf offensichtliche Vorbilder zurückgreifen? Dies war stets eine dieser Fragen, die sich nicht wirklich zufriedenstellend beantworten lassen. Zweifellos hält die Kunst als Nachahmung des Lebens nur eine Handvoll von Erzählmustern bereit, auf die man zwangsläufig zurückgreifen muss. Anders sieht es hingegen aus, wenn die bewusste Variation eines Themas ansteht. Gerade in der mittelalterlichen Literatur bestand die Kunst des Erzählens gerade darin, altbekannte Stoffe zu variieren und ihnen eigene Ansichten oder Umdeutungen aufzuzwängen, sei es in winzigen und dabei doch entscheidenden Details. Auch Geistesgrößen wie Shakespeare oder Goethe fielen Figuren wie Hamlet oder Faust nicht vom Himmel. Beim Plagiat sieht es hingegen ein wenig anderes aus. Das unsystematische Aneinanderreihen diverser Versatzstücke sorgt eher für Verärgerung, hat man doch als Rezipient das starke Gefühl, es mit einem Blender zu tun zu haben und dies alles an anderer Stelle schon einmal besser gelesen bzw. gesehen zu haben. Auf Juan Antonio Bayonas Erstlingswerk „Das Waisenhaus“, dessen Protagonistin nach Jahren in das titelgebende Gebäude, dem Ort ihrer Kindheit, zurückkehrt, und mit mysteriösen Geschehnissen konfrontiert wird, trifft dieses Verdikt nur in Teilen zu. Obgleich die Vorbilder jederzeit und auch zu offensichtlich zu erkennen sind, ist ihm und Produzent Guillermo del Torro ein formal bemerkenswerter, angenehm altmodischer Gruselfilm gelungen, der sich wohltuend von trendiger Torture-Porn- Konfektionsware wie Saw 4 und Konsorten abhebt.
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